Konzertbericht Lacrimosa (Support Gothminister),
30.05.2005 im T- Club, Turbinenhalle Oberhausen
„Lacrimosa, das ist vertonte Poesie“ hatte meine Freundin, die ich am 30.05.2005 zu Lacrimosa in den T- Club begleitete, mir angekündigt. Zur Vorbereitung auf diese wurde ich von ihr mit dem musikalischen Gesamtwerk der Band, sowie einem handgeschriebenen Zettel mit Kommentaren zu den einzelnen Alben und Liedern ausgestattet. Diese Kommentare waren auch bitter nötig, denn ohne sie hätte ich vor der Aufgabe, mich innerhalb von 4 Tagen mit der Musik von Lacrimosa vertraut zu machen, sicherlich kapituliert. Die Hürden waren einfach zu hoch – ich mag keinen Männergesang, ich mag keinen deutschen Gesang!!
Sicherlich würden mir die meisten Eingeweihten unter diesen Umständen raten, mich von Lacrimosa fernzuhalten. Doch hätte ich diesen Rat befolgt, wäre mir ein unvergessliches Erlebnis entgangen, das ich nicht missen möchte.
Wie Frauen es eben tun, trafen wir uns vor dem Konzert zum Schminken. Komisch, dass der Lebensgefährte der Gastgeberin schon nach wenigen Minuten mit verdrehten Augen das Weite suchte!
Ich hatte vorher im Internet als Schminkvorlage ein Bild vom M’ era Luna Festival aufgestöbert, das eine auffällig geschminkte Gothic- Schönheit zeigte und ging enthusiastisch ans Werk. Mindestens 30 Minuten und 20 Versuche später gab ich meinen Wunsch nach ihrem an Pflanzenranken erinnernden und weit über die Schläfen auslaufenden Lidstrich frustriert auf. Um die Haut um meine Augen nicht noch wunder zu machen, beschloss ich es bei dem Look zu belassen, der in der L’ Oréal- Werbung unverständlicher Weise als „Waschbäraugen“ bezeichnet wird!
Zu meinem auch ansonsten tiefschwarzen Outfit passte erstklassig der Granatschmuck, den ich vor kurzem von meiner Großtante geerbt hatte – nur am Rande sei erwähnt, dass es sich dabei eigentlich um Dirndlschmuck handelt!
Nunja… manchmal ist eben Improvisationstalent gefragt und ich bin sicher, dass das Outfit insgesamt wirklich überzeugend war! Jedenfalls fühlte ich mich im T- Club angekommen als Gleiche unter Gleichen und das war in diesem Fall das erklärte Ziel!
Der Abend wurde von der norwegischen Dark Metal Band Gothminister eröffnet. Diese trat geschminkt bzw. maskiert auf. Da das Konzert nun schon etwas länger zurückliegt, erinnere ich mich nur noch an ein Gesicht ala Freitag der 13. Der Sänger stand während nahezu der gesamten Performance auf einem mit schwarzem Tuch verhüllten Rednerpult, was wohl sein Amt als „Gothminister“ verdeutlichen sollte und immerhin eine kreative Idee war. Hinter dieses Pult zog er sich mehrfach wie in ein Versteck zurück, um dann in bedrohlicher Raubtierhaltung wieder hervorzutigern. Leider wollte während des knapp halbstündigen Auftritts keine rechte Stimmung aufkommen. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass Gothminister mit ihrem fetten Sound und der tiiiiiieeefen Stimme des Frontmannes sehr wohl Potential haben. Beim Songwriting allerdings ist es ihnen bisher nicht geglückt, einen echten Ohrwurm zu fabrizieren. Oder wie meine Freundin es formulierte: “Aaaaaaaaaargh!! Das klingt ja alles gleich… oder ist das immer noch das erste Lied?!“
Zu Gothministers Verteidigung sei noch angemerkt, dass ihr musikalischer Stil wohl von vornherein ungeeignet war, die doch eher zartbesaiteten Lacrimosaanhänger zu erfreuen. Sicher ist es schwer, für eine Lacrimosa – Tour einen passenden Support zu finden. Das Werk von Tilo Wolff und Anne Nurmi ist definitiv einzigartig und wer es in eine Kategorie anderer Bands einreihen will, wird sich schwer tun.
Lacrimosa, das ist vertonte Poesie, damit hatte sie Recht … und zwar so tiefgründige und ergreifende Poesie, dass sie es vermag, so manchem düsteren Vampir das Makeup nachhaltig zu ruinieren, wie ich an diesem Abend persönlich feststellen durfte. Ja, damit will ich sagen, dass bei „my last goodbye“ um mich herum so manche Träne geflossen ist. Bei mir selbst natürlich nicht!!
Indes sicherlich keine Tränen der Enttäuschung, denn als Lacrimosa endlich auf die Bühne traten, war selbst ich als Skeptikerin gefesselt. Man mag über die Outfits des Tilo Wolff denken, was man will
– man wird ihm nicht absprechen können, dass er eine sehr charismatische Persönlichkeit ist und durch seine bloße Anwesenheit Menschen in seinen Bann zieht. Ich muss zugeben, dass ich von der Art, wie er auf der Bühne präsent war, nach wie vor tief beeindruckt bin – ich habe schon etliche Konzerte anderer Bands gesehen, aber so etwas noch nie empfunden. NEIN, ich habe mich nicht in ihn verliebt!!
Ich versuche nur zu vermitteln, dass er einfach Showtalent hat. Es mag daran liegen, dass die Texte von Lacrimosa seine eigenen Gedanken und Gefühle wiedergeben und er die Musik daher nicht nur „vorträgt“, sondern „lebt“. Tilo Wolff wurde daher mit gutem Grund von den Fans mit Begeisterung empfangen.
Über seine Partnerin Anne Nurmi dagegen wurde von den Umstehenden Zuschauern hörbar abgelästert. Gut, sie hatte sich eine schwarze Gardine vor’ s Gesicht gehängt, aber vielleicht ist dies mit gutem Willen geschehen, um die Anwesenden zu schonen! Auch bei Gothicsängerinnen sprießt mal ein Pickel …
Gesanglich hat sie an diesem Abend offenbar positiv überrascht. Als sie zum ersten Mal auftrat, jammerten die unbekannten Fans hinter mir ein wenig, weil sie den schiefen Gesang erwarteten, an den auch ich mich allzu gut erinnerte, denn unter den von meiner Freundin auf dem Zettel besonders erwähnten Stücken war auch Anne’ s Solo „The turning point“ – auch von ihr wurde das Lied schon kommentiert mit „Anne singt hier schrecklich“. An diesem Maiabend in Oberhausen jedoch, so mussten auch die Lästerer hinter mir anerkennen, hat sie eine solide Leistung abgeliefert, die deutlich über der Darbietung auf der Platte lag! Allerdings könnte es auch sein, dass der Gesang auf der Scheibe nicht aufgrund von Unvermögen so schief anmutet, sondern die Sängerin ihrem Gesang so ihren eigenen Stil verleit, und dieser muss ja nicht jedermanns Sache sein – sonst wären sie nicht Lacrimosa! Ich persönlich habe Anne’s Gesangsparts als angenehme Abwechselung empfunden, denn nach jedem zweiten oder dritten Lied, das Tilo allein performte, wurde ein Solostück von Anne oder eines der wundervollen Duette der beiden eingeflochten. Aus meiner Sicht war dies die perfekte Aufteilung, denn es wurde auch mir als Nichtkenner auf diese Weise keine Sekunde langweilig. Highlight des Abends war jedoch das live vorgetragene Trompetenspiel von Tilo Wolff, das ich auch in der Rubrik „live pics“ festgehalten habe. So verflog die Zeit und es war schade, als das Konzert sich dem Ende zuneigte. Das einzige Lied, das mir von Lacrimosa so gut gefällt, dass ich es mitsingen kann, nämlich „Alleine zu zweit“, wurde für die Zugabe aufgespart. Auch für eingefleischte Fans scheint dieses Lied ein besonderes Schmankerl zu sein, denn es wurde ausgiebig mitgegrölt und so fand das Konzert kurz vor seinem Ende noch einen weiteren Höhepunkt.
Resumierend kann ich die Live- Auftritte von Lacrimosa uneingeschränkt weiterempfehlen und mich für einen fantastischen Abend bedanken, der mir lange im Gedächtnis bleiben wird.